Über den schrittweisen und schleichenden Verlust des Alten Kirchwegs Benz – Neukirchen

 Von Katrin Dürwald

Kirchweg von Benz nach Neukirchen
Der alte Kirchweg von Benz nach Neukirchen stammt aus mittelalterlicher Zeit. Die Menschen aus der Gemeinde gingen sonntags aus ihren Dörfern heraus zum Gottesdienst nach Neukirchen. Für die Dorfbewohner, die am Rand der großflächigen Kirchengemeinde lagen, bedeutete das lange Gehzeiten. Dies betraf in der Gemeinde vor allem Kirchgänger aus Treufeld, Högsdorf und Benz. Die Benzer gingen daher nicht entlang offizieller Wege, sondern suchten sich eine ideale Streckenführung mit so wenigen Kilometern wie nötig. Während der Kirchweg von Benz nach Neukirchen gerade einmal 6,5km misst, ist die Strecke über das offizielle Wegenetz 8,5km lang. Leider ist dieser Kirchweg seit den frühen 70er Jahren von verschiedensten Akteuren zerstört worden. Einige Politiker haben diesen Prozess durchaus wahrgenommen und öffentlich kritisiert, aber es gab auch genügend Mitstreiter, die der Verdrängung Vorschub leisteten. Örtlichen Landwirten passte es beispielsweise gar nicht, dass die Landbevölkerung wie selbstverständlich über „ihr“ Land ging.

Landwirt Oskar Engel beantragte in der Gemeinderatssitzung vom 12.10.1955, den ehemaligen Kirchsteig von Benz nach Malkwitz für Fahrräder zu sperren, um Flurschaden zu verhindern. Die Gemeindemitglieder waren einstimmig der Meinung, dass dieser öffentliche Weg für Radler nicht gesperrt werden dürfte, damit sie keine Umwege zur Arbeitsstelle fahren müssten. Der Weg hätte große Bedeutung, und es läge ein öffentliches Interesse an der Benutzung vor. Zu dieser Zeit fungierte der Kirchweg als meistgenutzte Zuwegung zur Malkwitzer Ziegelei, auf der bis zu siebzig Arbeiter beschäftigt waren.[1]

Bis Anfang der 60er Jahre blieb der Kirchweg intakt. Dann entdeckte man nördlich und südlich der K1 zwischen Sieversdorf und Malkwitz größere Kiesvorkommen. Zu dieser Zeit reichte häufig ein kurzes Informationsschreiben an den Bürgermeister, dass eine Kiesgrube eröffnet werden sollte. Das Kies- und Mörtelwerk Sieversdorf GmbH & Co. KG begann dort unter wechselnden Betreiberfirmen kontinuierlich Kies abzubauen. Als Betreiber fungierten schnell aufeinander folgend die Firmen Trede (Kiel), Wolf (Flensburg), Lafrentz (Neumünster) und ab 1969 Stamer, der die Kiesgrube bis heute betreibt.[2] Die zum Abbaugebiet zählenden landwirtschaftlichen Flächen verblieben zum Großteil bei den vormaligen Besitzern wie dem Landwirt Otto Malchau aus Sieversdorf und dem Gastwirt Wilhelm Jacobsen aus Malkwitz.

1973 regte sich erster Widerstand gegen die Ausweitung von Kiesabbaugebieten. Im Rahmen der öffentlichen Diskussion regte der Sieversdorfer Dorfvorsteher (und Landbesitzer der besagten Abbaufläche) Otto Malchau an, den alten Kirchweg von Malkwitz nach Neukirchen in den Wanderwegeplan der Gemeinde Malente aufzunehmen. Dieser würde zwar selten genutzt werden und sei stellenweise nicht mehr kenntlich, sei aber weiterhin ein öffentlicher Weg.[3]

Zwischen 1973 und 1976 führte der Kiesabbau zu einer steilen Abbruchkante an der Südseite des Malkwitzer Buchholzes, und die zu Jacobsen gehörenden Wulfsteertwiesen und der Ihlsee verschwanden, und damit auch ein Teil des bisherigen Kirchwegs. Im Verschönerungsverein Neukirchen entstand 1976 die Initiative, einen neuen Weg von Neukirchen nach Malkwitz zu errichten. Landwirte hatten dem Vorsitzenden des Vereins, Erwin Paulsen, ihre Unterstützung zugesagt; sie wollten das Land dafür kostenlos zur Verfügung stellen.[4] Das Vorhaben erhielt aber nicht die notwendige finanzielle Beteiligung durch die Gemeinde Malente.

Im Jahr 1982 erzürnte der Kiesgrubenbetreiber Peter Stamer die Einwohner von Neukirchen damit, dass er im Rahmen einer genehmigten Kiesgrubenerweiterung einfach 150 Meter vom Kirchweg zwischen Neukirchen und Malkwitz wegbaggerte. Bürgermeister Bestmann verwies darauf, dass man den Weg nicht absichern könne, dass die Gemeinde aber die Möglichkeit habe, an der rechtlichen Qualität des Fortbestandes des schon uralten Fußweges festzuhalten und darauf zu drängen, dass der Weg im Rahmen der Rekultivierung wieder hergerichtet werde. Neukirchens Dorfvorsteher Martin Becker bemerkte frustriert, dass das frühestens in 20 Jahren der Fall sein würde.[5]

In Malkwitz kam es Anfang der 1970er Jahre zu mehreren Grundstücks- und Hausverkäufen, die Auswirkungen auf den innerörtlichen Verlauf des Kirchwegs hatten: Wilhelm Jacobsen verkaufte 1974 seine Hauskoppel an Bruno Pfeil, der sie für die Haltung von Pferden einzäunen ließ. Weiterhin verkaufte Jacobsen seine Scheune an den Malenter Bauunternehmer Wiemann, der dort ein Mehrfamilienhaus errichtete. Die Nutzer des Kirchwegs, der bislang direkt entlang der Scheune und über die Wiese verlaufen war, suchten sich alternative Wege – entweder an der Stellmacherei Haß oder am Dörpskrog entlang. Es waren zumutbare Umwege, aber der Pfad auf der Pferdekoppel blieb noch lange Jahre sichtbar.

Ziegeleibesitzer Otto Hampel geriet Mitte der 1960er Jahre in finanzielle Schwierigkeiten und war gezwungen, Betriebsvermögen zu veräußern. Parallel zum wirtschaftlichen Niedergang wurden viele Arbeiter aus der Umgebung entlassen und mussten sich andere Arbeit suchen. 1965 erlosch die Ziegelwerke Hampel GmbH &Co., Malkwitz. Nun wurde es ruhig auf dem Kirchweg, und wenn doch mal ein Wanderer über das Gelände ging, ertönte nicht selten eine Gewehrsalve zur Abschreckung. Der Wegeerhaltungspflicht kam niemand mehr nach, Übertritte über Zäune und Gatter wurden morsch und nicht mehr erneuert. Der Kirchweg wurde auch deshalb immer schmaler, weil die Bauern ihn einfach wegpflügten. 1974 beklagte sich die auf dem Ziegeleigelände wohnende Ida Langmesser, 78 Jahre alt, in einem Leserbrief: „Der Fußweg nach dem Dorf ist ein Skandal. Da muss man die 3fache Länge nach dem Dorf laufen!“[6] Diese Bemerkung weist darauf hin, dass der viel kürzere Kirchweg zu dieser Zeit für sie keine Möglichkeit mehr bot.

Mitte der 90er Jahre setzte sich der Malkwitzer Dorfvorsteher Norbert Neu dafür ein, den eingetragenen Kirchweg zwischen dem Ingenhof und der Ziegelei entfernen zu lassen. Die Gemeinde Malente war dabei hilfreich, denn sie vertrat die Ansicht, dass sie bei Wegen über Privatgelände gar nicht zuständig sei und Ansprüche der Überwegung nur privatrechtlich durchgesetzt werden könnten.

Ebenfalls in die 90er Jahre fiel die Stilllegung der Bahnstrecke Malente – Lütjenburg. Daraus ergab sich, dass die den Kirchweg markierenden Drehkreuze auf Höhe der Ziegelei nicht mehr gepflegt wurden.

Den nächsten Schritt zur Entfernung des Wegs unternahmen die neuen Eigentümer des Ziegeleigeländes Müller, als sie im Jahr 2019 die Zuwegung zu den Drehkreuzen mit Strauchwerk abdichteten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das öffentliche Interesse am Erhalt des alten Kirchwegs nicht ausreichte, um ihn zu erhalten. Das touristische Wanderwegenetz in der Gemeinde Malente ist, auch wenn heute besser beschildert, langweiliger geworden. Die meisten Wege führen entlang öffentlicher Straßen, und nur Ortskundige kennen sie noch, die spannenden Wege in weitgehend menschenleere Gebiete, die tolle Ausblicke auf die Holsteinische Moränenlandschaft bieten. 



[1] Eutiner Kreis-Anzeiger 13.10.1955.

[2] Sieversdorf. Eine Ortsgeschichte in Ostholstein im ehemaligen Fürstbistum Lübeck/Eutin. Zusammengestellt von Elsabe Herholz, bearb. von Günter Meyer, S. 123 

[3] Ostholsteiner Anzeiger 02.04.1973.

[4] Ostholsteiner Anzeiger 09.03.1976.

[5] Ostholsteiner Anzeiger 10.09.1982.

[6] Ostholsteiner Anzeiger 02.06.1976.

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